alpenbrevet.ch
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172 km - 4 Pässe - 5294 HD -        DAS war das Alpenbrevet 2013 !

 

Ich fange mal so an: ...langsam kann ich mich wieder schmerzfrei bewegen und mir sogar vorstellen, wieder auf's Rad zu steigen! *grins

Das war am Samstagabend gaaaaaanz anders und mein erster Gedanke im Ziel war: ich verschenke jetzt - hier - und sofort mein Rad! 

(nein, so weit wird es nicht kommen! ;-))

Aber ehrlich: DAS war das Härteste, was ich bisher erlebt habe und wenn man nicht in der Schweiz (o.ä. Gegenden) lebt, kann man sich nur schwerlich auf die Anforderungen vorbereiten! Aber ich muß auch zugeben: hätte ich genauer gewußt, was mich erwartet - ich hätte mich nicht drauf eingelassen!

Andererseits - eine solche (Tor)tour sollte man als Radfahrer (oder Triathlet) mal gemacht haben, um behaupten zu können: Ich kann radfahren!....

 

Was man als erstes erwähnen muß: wir hatten riesiges Glück mit dem Wetter (2012 mußte die Veranstaltung wegen Wintereinbruch auf den Pässen ABGESAGT werden!) - Freitag Sonne pur zur Anreise, Temperaturen im Tal ca. 23 Grad und auch für Samstag war Gleiches gemeldet. KEIN Regen oder Schnee auf den Pässen. Also konnten in den Rucksäcken getrost "nur" Handschuhe, Mütze, Jacke und Wechseltrikots Platz finden. Die etwas wärmeren Sachen mußten eh zum Start um 6:45 Uhr angezogen sein, da war es noch recht frisch. Logisch.

5:00 Uhr Samstagmorgen - Frühstücksbuffet im Veranstaltungszelt - essen und trinken, was der Bauch so fasst! Blöderweise war mein "bestbesuchter" Ort die blaue Plastikbox am Rande - heftiger Durchfall... :-(

Und schon ging es los....sofort vom Start in Meiringen weg 30 (!!) Kilometer ununterbrochen bergan bis auf den Grimselpaß (2164m). Vorbei an mehreren Stauseen und -mauern, immer höher hinauf. Ich hatte noch Kraft und Muse, mein Umfeld und die einmalige Gegend mit Blicken nach rechts und links wahrzunehmen. Nach 2,5 Stunden hatten wir die Paßhöhe erreicht und ganz leise meldete sich die Stimme im Ohr, ob das eine gute Idee war?! Zum Glück, war sie noch leicht zu übertönen, vorallem mit Hilfe der beiden Alphornbläser am Gipfel. ;-)

Nun stürzten wir uns in die erste Abfahrt....ca. 20 km, A...kalt, steil und genauso anstrengend wie das Hochfahren! Endlich in Ulrichen angekommen, Abbiegen, Handschuhe und Jacken ausziehen - und schon stellt sich Paß Nr. 2 vor uns auf: der Nufenenpaß. Mit 2478m der Höchste an diesem Tag und auch der steilste im Anstieg (ca. 13 km bergauf).

Bereits nach 2 Kilometern heizte uns die Sonne kräftig ein, die Oberschenkel fingen an zu schreien, die Stimme im Ohr wurde laut und lauter! Um mich abzulenken, konzentrierte ich mich auf das gigantische Umfeld und nun übertönten die Pfiffe der Murmeltiere (das müssen Unmengen gewesen sein!) das Ohrgeräusch für eine Weile. Ich behaupte mal, ich konnte die posierlichen Tierchen sogar verstehen, wie sie sich gegenseitige zuriefen: "Schaut Euch nur die bunten Deppen an, die sich da hoch quälen und schinden!" So ähnlich MUSS es gewesen sein! *grins

Nun, da der Anstieg wieder gute 2 Stunden dauerte, kam was kommen mußte: ich fuhr in meinen roten Bereich und wurde "blau". Der Bauch knurrte, die Trinkflaschen waren fast leer....meine "Batterien" also am Ende. Irgendwann schalteten sogar meine Beine auf "Selbstlauf" und taten ganz automatisch was sie tun mußten: TRETEN! Ohne Empfindungen....fast wie taub!

Endlich der Gipfel und die Verpflegungsstation: Essen fassen, Flaschen auffüllen, kurz frische und warme Klamotten anziehen und ab in die nächste Abfahrt........gute 30 km bis in südliche Gefilde nach Airolo. KEINE wirkliche Erholung! Schon in der Abfahrt wieder die Stimme im Ohr: man stelle sich vor, ein Tal - an der rechten Flanke kommst Du runtergedonnert und siehst bereits, wie sich an der linken Flanke die Serpentinen auf die St. Gotthard-Paß aufstellen. Und Du fragst Dich: wie blöd ist das denn????

In Airolo nochmal verpflegen, Schokolade und Cola und schon geht es wieder hoch: Paso del San Gottardo...berüchtigt! Zu Recht - ich wollte es nur nicht glauben! 12:30 Uhr, die Sonne brennt auf uns herab, nach guten 2 Kilometern endet jeglicher Asphalt und wir quälen uns über abgefahrenes Kopfsteinplaster Meter um Meter nach oben. Die Kehren sind eng und einmalig anzuschauen (von oben wohlgemerkt!), aber "tödlich" für meinen Kopf. Nach guten 2/3 Anstieg (von ca. 15 km) schlägt die Anstrengung in meinem Kopf zu: ich kann mich nicht mehr ablenken oder gar motivieren, spinne total und beschäftige mich mit "AUFGEBEN"! Mein einziger Gedanke........mir laufen sogar die Tränen während des Fahrens. Krass...so schlimm habe ich das noch nie erlebt!

Dann endlich (durch mein Spinnen fast unbemerkt) die Paßhöhe (2106m) und damit auch wieder Asphalt....es fehlt nicht viel und ich versenke mein Rad im See! Der Gedanke an den letzten, bevorstehenden Paß (Susten, 2224 m, 25 km Aufstieg!) ist fast unerträglich...

Allein der Anwesenheit Norberts und seines Zuspruches ist es zu verdanken, dass ich mich dennoch umzog und wieder auf mein Rad stieg!

Zusätzlich war nun auch noch ein heftiger Sturmwind aufgekommen, der es richtig kalt machte....also wurde jede Minute des Rumstehens zur Zitterpartie. Also los....stürzen wir uns wieder hinunter, erstmal bis Andermatt - dort gibt es wieder Verpflegung - dann weiter hinab bis nach Wassen, zur Abzweigung auf den Sustenpaß. Die Fahrt bis dahin - ein Alptraum: Sturm, wahnsinniger Auto-, Bus-, Motorradverkehr auf engster Strasse, die Radfahrer dazwischen in ständiger Lebensgefahr...DAS war STRESS! 

Und nun bogen wir ab: Beginn des 25 km langen Aufstiegs auf den Sustenpaß...irre...unbeschreiblich...endlos und je höher wir kamen, umso kälter. Am Nachmittag senkten sich die Wolken über die Berge und Gletscher und wir fuhren direkt hinein. Was mich "beruhigte" und antrieb: an jeder sich anbietenden Stelle saßen/lagen ausgepowerte Radfahrer zum Verschnaufen...so schlecht waren wir also gar nicht! ;-)

Welche Gedanken mir für die nächsten 2,5 Stunden durch den Kopf gingen? Ich kann es nicht mehr sicher sagen: ein Mix aus den unzähligen Schmerzen an allen möglichen Stellen meines Körpers...plus einem pausenlose Monolog mit mir selbst über das "Durchhalten"...plus dem Anblick des gigantischen, endlosen Tales bis hin zu dem Abrißkanten der Gletscher und den Wasserfällen des Schmelzwassers. 

What ever.........der Aufstieg zog sich endlos in die Länge, in den Wolken fing ich an zu frieren und versuchte, mich am Gedanken an das bevorstehende Ziel festzuhalten!

ENDLICH...eine Tunneldurchfahrt und im Nebel das Plateau mit der Verpflegungsstelle....wir hatten es geschafft! Nur noch 35 km abfahren ins Ziel....so die Theorie! ;-)

Die Praxis? - die schlimmste Abfahrt meines Lebens: A...kalt, endlos viele, unbeleuchtete Tunnel (ein Alptraum für jeden Radler!) und 35 Kilometer, die nicht enden wollten! Ein letzter kurzer Anstieg über einen Hügel (vor dieser Tour wäre es wohl ein BERG in meiner Beschreibung gewesen!), 2-3x abbiegen und plötzlich sind wir in Meiringen zurück! Ich kann es mental kaum verarbeiten und bin einfach nur am Ende....und nach dem Absteigen fast bewegungsunfähig! Sch...., es gibt nichts an mir, was nicht wehtut! Reine Fahrtzeit (also ohne Pausen, Umziehen, verpflegen): 10:26 Stunden...

Und eines steht sofort fest: DAS mache ich nicht noch einmal! :-)

 

Am Sonntag kam übrigens der Regen...Glück gehabt! :-)

 

Und nun? Jetzt muß ich mich dringlichst erholen....Am Samstag steht noch die Europameisterschaft im Cross-Triathlon am Wolfgangsee an.....aber wen hebt das Bißchen Belastung schon an?! *grins

 

Hier gibt es FOTOS......

 

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